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Obwohl die Blütezeit der wind- und wassergetriebenen Mühlen zum Ende des 19. Jahrhunderts längst überschritten war, gibt es auch heute noch an der Schwelle zum dritten Jahrtausend eine ungewöhnliche Vielfalt der Bauweise und Maschinerie in der deutschen Mühlenlandschaft. Topografische Besonderheiten, wirtschaftliche Entwicklungen und handwerkliche Fertigkeiten haben Werke hervorgebracht, die immer wieder die Begeisterung technikinteressierter Menschen entfachen.
Mit einer kurzen Typologie wird auf die wesentlichen Unterscheidungsmerkmale der Mühlen hingewiesen, und damit das Kennenlernen der verschiedenen deutschen Mühlenlandschaften erleichtert. Eine erste große Differenzierung kann schon vorgenommen werden, wenn man nach der ursprünglich benutzten Antriebsenergie in Wasser- und Windmühlen unterteilt.
Die Erfindung der Dampfmaschine gegen Ende des 18. Jh. sowie des Verbrennungs- und des Elektromotors im 19. Jh. fanden sehr schnell als wind- und wetterunabhängige neue Antriebsarten Eingang in das Mühlenwesen und führten einerseits zur weiteren Entwicklung und Differenzierung der Mühlentechnik, andererseits zur Ansiedelung von Großbetrieben der Müllerei an Standorten, die von Wind und Wasser unabhängig waren.
Im Laufe der Jahrhunderte fand die Mühlentechnik, die sich ursprünglich nur auf das Vermahlen von Getreide bezog, in nahezu allen Bereichen des Handwerks und der frühen Industrie Anwendung. Seit dem Mittelalter sind in Deutschland über 150 unterschiedliche Anwendungsarten der Mühlentechnik nachweisbar.
Wassermühlen
Schon Jahrhunderte, bevor die ersten Windmühlen errichtet wurden, waren Wassermühlen in Betrieb. Die Römer brachten sie einst mit in ihre germanischen
Rheinprovinzen. Von hier aus waren es Mönche, die im Zuge ihrer Missionierungsbestrebungen die neue Technik immer weiter nach Osten trugen.
Um 1000 n.Chr. waren Wassermühlen in
allen damals besiedelten Gebieten Deutschlands allgemein verbreitet. Unter geschickter Ausnutzung der Geländeverhältnisse wurden ober-, mittel- und unterschlächtige Wasserräder
eingesetzt, die die Mahlgänge antrieben.
Während Getreidemühlen in allen Landesteilen betrieben wurden, liegt das Haupteinsatzgebiet der Werkmühlen im wesentlichen in den
industriell höher entwickelten süddeutschen Gebieten.
Die Leistungsfähigkeit der Getreidemühlen wurde weitestgehend bestimmt vom Wasserangebot, von der produzierten Getreidemenge
der Region und vom Bedarf an Mahlprodukten. Aus diesem Grunde sind in den süddeutschen Ländern an den kleinen Flüssen mit geringem Einzugsgebiet kleinere Bauernmühlen entstanden. In
Mittel- und Norddeutschland konnten sich an großen und wasserreichen Flüssen mit einem ausgedehnten Getreide produzierenden Hinterland äußerst leistungsfähige Handwerks- und
Industriemühlen entwickeln.
Zusammenfassend läßt sich feststellen, daß eine gewisse Typologie der Wassermühlen zum einen nach der Art der Wasserzuführung, zum anderen nach ihrer
Zweckbestimmung vorgenommen werden kann.
Windmühlen
Die ersten Windmühlen wurden in Deutschland fast fünfhundert Jahre später errichtet als die ältesten Wassermühlen.
Während Wassermühlen an Wasserläufen in allen deutschen Regionen betrieben wurden, blieben Windmühlen auf die Standorte beschränkt, die hinreichend eben und windsicher waren. Diese
Bedingungen waren im wesentlichen nördlich einer Linie Aachen - Kassel - Suhl - Dresden gegeben. Südlich dieser Linie gab es nur vereinzelte Windmühlen.
Im Windmühlenbau haben sich
im Laufe der Zeit erhebliche Veränderungen vollzogen, weshalb man hinsichtlich der Gebäude durchaus von Mühlentypen sprechen kann. Sind Sie technisch interessiert ? Dann sehen Sie sich
hier den Aufbau einer Holländerwindmühle an!
Die ältesten Mühlen sind Bockwindmühlen.
Der Bock, der der Mühle den Namen gibt, stützt den senkrecht stehenden Hausbaum, auf
dessen oberem Zapfen über eine mächtige Balkenkonstruktion der gesamte Mühlenkasten drehbar gelagert ist. An dem herausragenden Sterz wird die Mühle in den Wind gedreht. Gelegentlich
wurde der Bock zur Schaffung einer überdachten Lagerfläche ummauert.
Bockwindmühlen wurden auch dort errichtet, wo sie später durch modernere Konstruktionen abgelöst wurden. In
größerer Zahl blieben sie nur in Mittel- und Ostdeutschland (Niedersachsen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg, Sachsen und Thüringen) erhalten. Ihre Bauweise machte die Bockmühle in idealer
Weise für Umsetzungen geeignet. Viele der heute stehenden Mühlen dieser Art standen vorher schon an einem anderen Ort und verrichteten dort ihren Dienst.
Seit dem 16. Jahrhundert
wurden nach und nach. in den windreichen Gebieten Norddeutschlands diese Mühlen durch die von holländischen Mühlenbauern konstruierten und deshalb nach ihnen benannten Holländermühlen
verdrängt, bei denen der untere Teil gemauert ist, während der obere Teil in der Regel aus einer im Grundriss achteckigen Holzkonstruktion besteht. Diese Mühlen hatten auf einer
wesentlich verbreiterten Fundamentfläche eine weitaus größere Standfestigkeit und boten mehr Platz für Waren und technische Ausstattung. Nur noch die Haube mit dem Flügelkreuz musste in
den Wind gedreht werden, was anfänglich mit einer außen angebrachten Balkenkonstruktion (Außen-krühwerk), später mittels Windrose automatisch erfolgte.
Von den verschiedenen
Untergruppen der Holländermühlen sollen hier nur die landschaftlich auffälligen Galerieholländer erwähnt werden.
Durch den Einbau eines oder mehrerer Sockelgeschosse wurden die
Mühlen höher, und das Flügelkreuz konnte die in größerer Höhe stärker wehenden Winde nutzen. Die Galerie wird zur Bedienung der Flügel erforderlich.
Die Holländermühlen sind in
Mitteldeutschland selten, südlich der heutigen Autobahntrasse der A2 sind sie eine Ausnahme.
In Form und Funktion den Holländermühlen nahestehend und deshalb auch im Volksmund als
solche bezeichnet, sind die vollkommen massiv errichteten Turmwindmühlen. Über ihre Herkunft ist man sich noch nicht sicher. Eine Ähnlichkeit des im Mittelmeergebiet vorherrschenden Typs
ist zumindest offensichtlich. Sie sind zwischen Westfalen und Brandenburg anzutreffen, allerdings mit nach Norden abnehmender Tendenz.
Eine spezielle Nutzungsart der Windkraft
erfolgt mit den Koker- oder Wippmühlen. Sie wurden in küstennahen Gebieten Norddeutschlands (Niedersachsen und Schleswig-Holstein) zum Entwässern tiefliegender Wiesen oder Äcker
eingesetzt und nach dem sie tragenden köcherartigen Pfahlbündel beziehungsweise. nach der im Pumpbetrieb zu beobachtenden wippenden Bewegung benannt.
Ebenfalls zur Entwässerung von
Niederungsgebieten dienten die sogenannten Tjasker, höchst einfach konstruierte transportable Windmühlen, bei denen eine auf einer Achse befestigte Archimedisehe Schraube durch ein
Flügelkreuz angetrieben wurde.
Der jüngste Mühlentyp sind die Paltrockmühlen. Hier ist der gesamte Mühlenkörper über eine Rollenbahn auf einem ringförmig angelegten Fundament
drehbar gelagert. Die Drehung in den Wind erfolgt über die auch schon bei Holländermühlen verwendete Windrose. Paltrockmühlen entstanden gewissermaßen als preiswerter Ersatz für eine
moderne Holländermühle, wurden also hauptsächlich dort gebaut, wo die Holländermühle ohnehin nicht dominierend war: im östlichen Niedersachsen, Sachsen-Anhalt, westlichen Brandenburg und
nördlichen Sachsen. Paltrockmühlen wurden hauptsächlich in der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts errichtet, in einer Zeit also, da die Windmühlen ihren Zenit schon überschritten
hatten.
Der Text stammt von der Deutschen Gesellschaft für Mühlenkunde (DGM)
Mühlenwesen in MInden-Ravensberg von Dieter Besserer (Mindener Heimatblätter
2006)
Serie als pdf-Dateien - © Mindener Tageblatt 2006
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